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Bericht zur Jahrestagung 2017 Kommunales Bildungsmanagement: Bildung in Stadt und Land

Zum Thema Bildung in Stadt und Land veranstaltete die Transferagentur RLP-SL am 4. und 5. September 2017 ihre zweite Jahrestagung in Trier. Knapp neunzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Rheinland-Pfalz, dem Saarland und angrenzenden Bundesländern haben sich zu diesem Thema informiert und ausgetauscht.

Im Begrüßungsvortrag spannte Dr. Thomas Greiner, Leiter der Unterabteilung Lebenslanges Lernen und Bildungsforschung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, den Bogen von den Anfängen der Transferagentur über die bisher erzielten Errungenschaften bis hin zu einem Ausblick auf Zukünftiges. Er stellte dabei heraus, dass das BMBF sehr viel investiert habe, um die innovativen Modelle aus Lernen vor Ort (LvO) in die Breite zu tragen. Dabei hob er jedoch hervor, dass transferieren weder kopieren, noch eins-zu-eins-überstülpen bedeute, sondern vielmehr darauf abziele, gemeinsam mit lokalen Akteuren die richtigen Lösungen zu finden. Greiner bedankte sich bei allen Kommunen für die Mitarbeit in der Transferinitiative und wünschte sich, dass weitere Kommunen, die bisher noch nicht Teil der Initiative sind, zum Mitmachen bewegt werden können.

Begoña Hermann, Vizepräsidentin der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Rheinland-Pfalz, betonte in Ihrem Grußwort zunächst die zentrale Rolle der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) in Rheinland-Pfalz als Mittlerin zwischen Kommune und Landesregierung. Die für ganz Rheinland-Pfalz zuständige Schulaufsicht sei die größte Abteilung der Behörde. Dennoch, so Herrmann, sei das Bewusstsein vorhanden, dass Bildung nicht nur in Schule stattfinde, sondern viel umfassender zu begreifen sei.

Kommunale Bildungslandschaften: Visionen für die Zukunft

Gerhard de Haan vom Institut Futur an der FU Berlin leitete mit seinem Vortrag über seine Vision zukünftiger Bildungslandschaften und deren Gelingensbedingungen, Herausforderungen sowie mögliche Alternativen in den inhaltlichen Teil des ersten Tages ein. Das kommunale Bildungsmanagement sei besonders geeignet sozialräumlich passgenaue, flexible Bildungslandschaften zu gestalten. Erfolgsrezept dafür seien die Partizipation aller Bildungsakteure sowie die Entwicklung einer gemeinsamen Agenda, eine kontinuierliche Kommunikation und die Einrichtung einer Organisationsstruktur. Allerdings müsse das Bildungsmanagement weiter professionalisiert und die Mittel aufgestockt werden. Langfristig sei es nötig, die Bildungsfinanzierung fundamental in Richtung Kommunen zu verschieben, da vor Ort die Bedarfe und Notwendigkeiten deutlich würden.

Ein „Weiter-So“ der bisherigen Bildungssysteme berge die Gefahr des abnehmenden Zuspruchs durch die Lernenden und somit des Verlusts gesellschaftlicher Gestaltungsmöglichkeiten. Kommunale Bildungslandschaften seien immer noch das beste Modell, um Chancengerechtigkeit herzustellen, schlussfolgerte de Haan. Jedoch müssten diese sehr realen und analogen Bildungslandschaften mit der digitalen Welt zusammengebracht werden, um auch für kommende Generationen tragfähig zu sein.

Fachforen

In vier verschiedenen Fachforen konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die besonderen Herausforderungen in Landkreisen und Städten informieren und austauschen. Am ersten Veranstaltungstag gab es Fachforen zu den Themen Bildungslandschaften und Stadtentwicklung, Kreisangehörige Kommunen im Bildungsmanagement, kleinräumige Daten im ländlichen Raum und Integration und Bildung im ländlichen Raum. Eine ausführliche Dokumentation der einzelnen Fachforen finden Sie hier.

Gesprächsrunde: Bildung(smanagement) in Stadt und Land (Uwe Lübking, Waldemar Herder und Margit Jungmann)

Uwe Lübking, Beigeordneter des Städte- und Gemeindebundes, Waldemar Herder, Beigeordneter und Dezernent für Bildung und Soziales der Stadt Worms, sowie Margit Jungmann, Dezernentin für Schulen und Immobilienmanagement im Landkreis Saarlouis, diskutierten die besonderen Herausforderungen und Chancen des kommunalen Bildungsmanagements im städtischen bzw. ländlichen Raum.

Margit Jungmann betonte, dass ein erfolgreiches Bildungsmanagement nur gelingen könne, wenn Bildung zur Chefsache erklärt werde und, unterstützt durch Zahlen, eine strukturierte Umsetzung möglich sei. Insbesondere das Monitoring und die daraus gewonnenen Erkenntnisse bedeuteten einen Gewinn für alle Abteilungen und den gesamten Landkreis. Eine besondere Herausforderung sieht Herder darin, die Politik von der Notwendigkeit eines Bildungsmanagements und der Bereitstellung zusätzlicher finanzieller Mittel zu überzeugen, da hier sichtbare Ergebnisse größtenteils erst in 20 Jahren oder noch später zu erwarten sind. Ein gemeinsamer Bildungsbegriff, die Unterstützung der Stadtpolitik sowie ein gemeinsames rechtskreisübergreifendes Denken und Handeln seien entscheidend für die Ausgestaltung eines städtischen Bildungsmanagements. Lübking betonte, wie wichtig es sei, die kreisangehörigen Städte und Gemeinden bei der Einrichtung eines Bildungsmanagements im ländlichen Raum im Blick zu haben und mit einzubeziehen. Eine Zusammenarbeit von Landkreisen und Gemeinden auf Augenhöhe sei unabdingbar für ein erfolgreiches Bildungsmanagement im ländlichen Raum. Die Kleinteiligkeit in Rheinland-Pfalz und im Saarland biete dabei einen großen Überzeugungsvorteil zur Umsetzung eines Bildungsmanagements. Jungmann bestätigte diese Einschätzung: Für ein erfolgreiches Bildungsmanagement sei es wichtig zu wissen, wie die Bedarfe vor Ort in den Städten und Gemeinden aussehen und bei den Bürgermeisterinnen und Bürgermeister die Vorteile deutlich zu machen und für Unterstützung zu werben. Dies könne nur als Partner auf Augenhöhe gelingen.

Mit Blick auf die Zukunft wünschten sich alle drei ein stärkeres Engagement des Landes und des Bundes über die derzeitige Förderung hinaus, um die bereits geleistete Arbeit und erzielten Erfolge langfristig und nachhaltig zu sichern.

Der zweite Veranstaltungstag

Angelika Birk, Bürgermeisterin und Dezernentin der Stadt Trier eröffnete den zweiten Veranstaltungstag. Sie hob hervor, dass es kein Zufall sei, dass die Transferagentur ihren Sitz in Trier habe. Trier war eine von 21 kreisfreien Städten im Vorgänger-Programm „Lernen vor Ort“ und setzt seit 2009 das kommunale Bildungsmanagement um. Nach Auslaufen der Förderung wurde es aus Eigenmitteln verstetigt und werde inzwischen durch andere Förderprogramme wie beispielsweise „Kommunale Koordinierung der Bildungsangebote für Neuzugewanderte“ oder das APAG-Projekt ergänzt.

Demografischer Wandel – Herausforderungen für das Bildungsmanagement

Horst Weishaupt, ehemaliger Leiter der Arbeitseinheit "Steuerung und Finanzierung des Bildungswesens" am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung erläuterte zunächst die Auswirkungen der demografischen Entwicklung auf die Schulentwicklung und die Folgen des Arbeitskräftebedarfs für das Schulsystem. Im weiteren Verlauf ging er darauf ein, wie diesen Herausforderungen in Bezug auf die Schulentwicklung und die Fachkräftesicherung begegnet werden könne.

Die Geburtenzahlen seien in Deutschland seit 1990 deutlich zurückgegangen. Es sei daher langfristig mit einem Rückgang von Schülerinnen und Schülern zu rechnen, besonders in den berufsbildenden Schulen. Hinzu komme ein hoher Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund an Grundschulen und Kindertagesstätten. Hier seien jedoch verstärkt die Einrichtungen in Städten betroffen; zusätzlich komme verschärfend noch eine Überlagerung mit Armutslagen (Kinder in SGB II-Bedarfsgemeinschaften) hinzu.

Für die Schulentwicklung bedeute dies, dass Grundschulen wohnortnah zugänglich sein müssten, auch kleinere Schulstandorte mit jahrgangsübergreifenden Klassen sollten gerade im ländlichen Raum erhalten bleiben. Ziel der Schulentwicklung sollte es sein, dass denjenigen, die in der Region aufwachsen, auch eine Bildungsperspektive in der Region geboten werde. Bildungsanstrengungen bei Kindern von Migrantinnen und Migranten sollten intensiviert werden und bei der Zuweisung personeller Ressourcen sollte die soziale Zusammensetzung der Schülerschaft berücksichtigt werden, so Weishaupt.

Interview: Einblicke in das Bildungsmanagement vor Ort (Runa Hess und Janine Prause)

Hanno Weigel, stellvertretender Leiter der Transferagentur RLP-SL interviewte Janine Prause, Bildungsmonitorerin im Landkreis Alzey-Worms und Runa Hess, Bildungsmanagerin der kreisfreien Stadt Neustadt an der Weinstraße, zum Aufbau und der Umsetzung eines kommunalen Bildungsmanagements in einer kreisfreien Stadt und in einem Landkreis. Hess sieht das Bildungsmanagement als Vermittler zwischen Bildungsakteuren mit der Aufgabe sich ergänzende Stärken zu finden, Diskussionen anzuregen, aber auch Probleme aufzuzeigen und das Bestehende durch objektive statistische Daten zu untermauern. Für Prause liegt eine der großen, aber wichtigen Herausforderung des Bildungsmonitoring darin, die Daten durch ihre Arbeit für sich selbst sprechen zu lassen, denn erklärungsbedürftige Daten landeten nicht in den Köpfen.

Mithilfe der Transferagentur RLP-SL wurden in Neustadt bereits mehrere Projekte initiiert, unter anderem konnte das Projekt „KidS – Kommunalpolitik in die Schulen“ von Osnabrück nach Neustadt transferiert werden. Stadtrastmitglieder aller im Rat vertretenen Fraktionen führen als Mentoren Schülerinnen und Schüler in die Kommunalpolitik ein. Dies schließt an ein Wirkungsziel an, dass die Neustädter Stadtverwaltung in einem Workshop der Transferagentur erarbeitet hat. In Alzey-Worms hingegen fokussiert sich das Bildungsmonitoring in Kooperation mit der Bildungskoordination für Neuzugewanderte zunächst auf den Bereich der Integration. Zusammen mit dem Sozialamt des Landkreises wurde eine statistische Erhebung zur Verteilung der Neuzugewanderten durchgeführt und ausgewertet. Auch wurde nach einem Beschluss des Kreistages die Situation von Neuzugewanderten an den Schulen ausgewertet. Die gute graphische Darstellung ist eine objektive Grundlage für politische Entscheidungen des Kreises und der Verbandsgemeinden.

Abschließend riet Hess sich nicht von der Fülle an Handlungsmöglichkeiten einschüchtern zu lassen, sondern gemeinsam mit den Akteuren Prioritäten zu setzen und die non-formalen Bildungsakteure mitzunehmen. Prause riet Kommunen wissbegierig, neugierig und offen für Austausch auf andere zugehen und nicht zu verzweifeln, wenn es nicht weitergeht.

Fachforen

Auch am zweiten Veranstaltungstag wurde den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine intensive Diskussion und Austausch zu verschiedenen Themen in weiteren vier Fachforen ermöglicht. Neben den beiden Fachforen zu Themen in Landkreisen und Städten –  Sozialraumorientierung in der Bildungsstadt und Kommunenübergreifende Zusammenarbeit im Bildungsmanagement – gab es auch ein Fachforum zum Thema Übergang Schule-Beruf, in dem die Beratung und Begleitung in ländlichen Kontexten diskutiert wurde und zu Demografie im kommunalen Bildungsmanagement. Die vollständigen Dokumentationen zu den einzelnen Fachforen finden Sie hier.